, Haupt Claudia

EVERY DAY FOR GENDER

Claudia macht sich so ihre Gedanken, was die LGBTTIQ-Netzwerke von Fridays-for-Future lernen könnten. Every Day.

Ein Gespenst geht um in Europa – die „Jugend“.

Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“ (1); angesichts der munteren Unverkrampftheit gepaart mit WISSEN UND KOMPETENZ von Fridays-for-Future-Aktivist-innen kommt so manchem der etablierten Polit-Biz-Profis das Gruseln. Christian Lindner tweetete ganz altvaterisch:

„Ich finde politisches Engagement von Schülerinnen und Schülern toll. Von Kindern und Jugendlichen kann man aber nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis. CL“ (2).

AfD-Politiker-innen ergreift schlicht die Panik; O-Ton Alice Weidel:

„Ich habe die Videos gesehen von Fridays for Future vor dem Brandenburger Tor. Das ist wirklich unglaublich, diese Kampagnenfähigkeit, was da auf uns zurollt! [...] Die Power dieser kumulierten Dummheit ist beängstigend.“ (3)

Fridays-for-Future (FFF) hat die klimapolitische Diskussion in Bewegung gebracht und damit die politische Agenda wie kaum eine andere Jugendbewegung beeinflusst. Es gibt bereits erste Studien, in denen man versucht hat, das Erfolgsrezept von Fridays-for-Future zu ergründen. Eine Studie der Fachhochschule Biberach (4) kam zum Ergebnis, dass bestimmte innovative Aspekte die politische Wirksamkeit triggern:

  1. Auch während der Corona-Pandemie bleibt Umwelt- und Klimaschutz das wichtigste Thema für die Fridays-for-Future-Aktivist*innen.
  2. Die Mehrheit ihrer Anhänger*innen interessiert sich für Politik. Trotz relativ hoher Zufriedenheit mit der Demokratie in Deutschland haben sie aber nur geringes Vertrauen in die politischen Parteien.
  3. Die Fridays-for-Future-Aktiven sind unzufrieden mit den Maßnahmen, die die Politik in Deutschland zur Eindämmung des Klimawandels vornimmt. Von der Politik fordern sie mehr Handeln statt Reden, Gesetze für Nachhaltigkeit, Bildungsförderung und Anreize für nachhaltiges Handeln. Auch von ihrem zukünftigen Arbeitgeber erwarten sie, dass er sich mit Klimaschutz befasst.
  4. Die Befragten sind aber auch bereit, selbst zu handeln. Sie ändern ihr Verhalten und würden bis zur Hälfte ihres (zukünftigen) Einkommens für ein klimaneutrales Leben aufwenden.
  5. (Fridays-for-Future-Aktive kommen überwiegend aus akademischen Elternhäusern und verfügen über einen hohen Bildungsgrad bzw. streben diesen an. Klimaschutz machen sie auch in ihrem Elternhaus zum Thema.
  6. Informationen über nachhaltige Produkte beziehen die Aktivist*innen vor allem im Internet. Suchmaschinen, YouTube, Online-Angebote von Zeitungen und Unternehmens-Webseiten sind die beliebtesten Quellen. Auch soziale Netzwerke werden zur Information genutzt. Etablierten (Massen-) Medien vertrauen knapp 40 Prozent der Befragten voll und ganz oder weitgehend. (5)

Die Studie weist allerdings, wie viele Umfragestudien, Einschränkungen auf (Telegram- und WhatsApp-Befragung: z.B. fragliche Repräsentativität der Stichproben, eingeschränkte externe und interne Validität des verwendeten Fragebogeninstruments). Bestimmte, für das politische Selbstverständnis von FFF relevante Aspekte wurden lediglich gestreift, insbesondere die Wissenschaftsorientierung von Fridays-for-Future, die in dem „Follow-the-science“ Prinzip von FFF zum Ausdruck kommt.

Die enge Verbundenheit und Kooperation von Klimaforschung und Fridays-for-Future ist wechselseitig: Sei es, dass Greta Thunberg stets in ihren Reden auf dieses zentrale Prinzip von FFF hinweist („Listen to the scientists“ (6); „We cannot make it without science“ (7)) oder Fridays-for-Future Feasibility Studien in Auftrag gibt (8). Klimaforschende andererseits unterstützen Fridays-for-Future: Nachhaltigkeitwissenschaftler betonen die Notwendigkeit der Kooperation mit FFF. In einem Paper notierten Henrik von Wehrden, Lydia Kater-Wettstädt und Uwe Schneidewind, allesamt renommierte Nachhaltigkeitswissenschaftler:

„Fridays for Future verdankt der Wissenschaft ein solides Fundament, das genügt, jede(n) zu überzeugen, die oder der bereit ist, für eine gerechte Zukunft einzustehen und zugleich Verantwortung für andere zu übernehmen. Die Wissenschaft hat vor allem die Verantwortung, die Bewegung bei der Multiplikation ihrer Forderungen zu unterstützen, etwa indem Wissenschaftler(innen) die Plausibilität der Forderungen verdeutlichen, bei Information und strategischer Ausrichtung sowie Reflexion unterstützen sowie durch eine Moderatorenrolle zwischen den Akteuren vermitteln und sich an diesen orientieren. Wie die Bewegung selbst muss die Wissenschaft zum globalen Ziel der gesellschaftlichen Nachhaltigkeitstransformation beitragen. Hier kann die Bewegung auch von den Kompetenzen der Wissenschaftler(innen) in Bezug auf Reflexivität, Vernetzung und kollaborative Bearbeitung komplexer Probleme profitieren, weil die Wissenschaft auf diesen Gebieten aufgrund ihrer langjährigen Erfahrungen eine beachtliche Lernkurve vorweisen kann.“ (9)

Wissenschaftler-innen schliessen sich zudem in FFF-ähnlichen Movements/Networks zusammen, beispielsweise Scientists for Future (S4F) (10).

Im BgV haben wir in den letzten Wochen diskutiert/überlegt, was die LGBTTIQ-Bewegung von Fridays-for-Future lernen kann.

Die Ereignisse der letzten Wochen haben uns gezeigt, dass die LGBTTIQ-Bewegung/Netzwerke zwar stark beachtete Symbolpolitiken („Regenbogenfahnen sieht man gut“) entwickelt haben, die durchaus diskursmächtig erscheinen. Allerdings fehlt es unserer Einschätzung nach an Wirksamkeit, praktische politische, alltagswirksame Veränderungen auf den Weg zu bringen („Am Wochenende, wenn die Fahnen wehen“).

Die Forschung zur Wirksamkeit von LGBTTIQ-Movements steckt noch in den Kinderschuhen, unsere LGBTTIQ-Diskurse bleiben vielfach auf die Diskussion von Gender-Sprechakt-Regularien verengt, während Kampagnen zur Diskriminierung von LGBTTIQ weltweit im Zunehmen begriffen sind.
Die Orientierung an der Philosophie Judith Butlers und die Fokussierung auf psychologisch ausgerichtete Identitätspolitik waren sicher wichtig zur Selbstfindung der LGBTTIQ-Bewegungen. Uns stellt sich jedoch die Frage, ob es nicht an der Zeit ist, die Orientierung auf die Zusammenarbeit mit weiteren Wissenschaftsdisziplinen und Forschendennetzwerken unter neuen Paradigmen zum Programm werden zu lassen.

Eines der wesentlichen Paradigmen, dass sich anbieten würde, ist das der Geschlechts- und Gendergesundheit. Die Medizin verfuhr in ihrer eherner patriarchalischen Tradition jahrhunderte-, ja jahrtausendelang nach den beiden Prinzipen „Männer-Phantasie-statt-Forschung“/„Deine Frau, das unbekannte Wesen“. Man stelle sich vor: Anatomie und Funktion der Klitoris wurden erst in den 1990er Jahren erforscht (11), erst im aktuellen 21. Jahrhundert dürfte sich eine wirkliche Frauenmedizin konstituieren (12), die diese Bezeichnung auch verdient.

Es gibt wissenschaftliche Netzwerke, die sich um die Gender- und Geschlechtsgesundheit forschend und praktisch kümmern, nämlich die weltweiten Netzwerke der Evidenzbasierung wie die Cochrane Collaboration (13), die Joanna Briggs Collaboration (14), das GRADE Netzwerk (15), die Campbell Collaboration (16) und das Guideline International Network (17). In diesen fachgesellschaftlichen weltweiten evidenzbasierten Gesundheits-Netzwerken besteht grosse Sympathie und Zusammenarbeitsbereitschaft gegenüber LGBTTIQ, durchaus analog zu Klimaforschenden/Fridays-for-Future.

Und erkennen wir nicht einen grossen Schatz in unseren LGBTTIQ-Communities, nämlich die jungen LGBTTIQ-Aktivist-innen, unter denen Viele, das erleben wir täglich, neugierig auf derartig neue Aktivitäten und Perspektiven sind? Die ähnlich wie FFF-Aktivist-innen bereit sind, dynamisch neue Wege der Zusammenarbeit mit der Wissenschaft zu gehen?

Daher freuen wir uns auch, dass im LGBTTIQ-Landesnetzwerk Baden-Württemberg eine Themengruppe „Evidenz und Gesundheit“ gegründet wurde, mit/in der wir solche neuen Pfade betreten könnten. Wir erkennen viele ermutigende Zeichen …
für eine Bewegung „EVERY DAY FOR GENDER“.  

REFERENZEN

  1. Siehe Artikel „KRITIK DER KLIMAAKTIVISTEN AN DEN PARTEIEN. Fridays for Future: Ungemütlich politisch“ https://www.dw.com/de/fridays-for-future-ungem%C3%BCtlich-politisch/a-48458191 abgerufen am 29.07.2021
  2. Christian Lindner @c_lindner auf Twitter 10:59 am 10. März 2019
  3. Redaktionsnetzwerk Deutschland Jan Sternberg 27.09.2019, 12:59 Uhr https://www.rnd.de/politik/afd-fraktionschefin-weidel-findet-fridays-for-future-beangstigend-QOJNDDOYSJBLTMGITL7BNF4Z3I.html abgerufen am 29.07.2021
  4. Fridays for Future – Eine Bestandsaufnahme zu Ansichten und Meinungen in Zeiten der Corona Pandemie unter Fridays for Future-Aktiven. Online-Befragung über Fridays for Future-Organisationsgruppen via WhatsApp & Telegram - veröffentlicht im Dezember 2020. Forschungskooperation im Rahmen des Verbundprojektes InnoSÜD Projekt: Transfer Forschungsergebnisse transdisziplinär in der Energiewende (Hochschule Biberach, Förderkennzeichen 03IHS024A) | Laurens Bortfeldt | Prof. Dr.-Ing. Roland Koenigsdorff | Prof. Dr.-Ing. Martin Becker |Projekt: CSR Innovation Circle (Hochschule Neu-Ulm, Förderkennzeichen 03IHS024C)| Jens Boscheinen | Prof. Dr. Julia Kormann | Prof. Dr. Wilke Hammerschmidt |
  5. Zitiert nach: https://idw-online.de/de/news759723 ; abgerufen am 29.07.2021.
  6. Siehe https://www.theguardian.com/us-news/2019/sep/18/greta-thunberg-testimony-congress-climate-change-action abgerufen am 29.07.2021
  7. Siehe https://www.theguardian.com/environment/2020/dec/29/we-cannot-make-it-without-science-greta-thunberg-says-climate-experts-are-being-ignored abgerufen am 29.07.2021
  8. Siehe https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2020-10/fridays-for-future-studie-zweifel-klimaziele-bundesregierung abgerufen am 29.07.2021
  9. Henrik von Wehrden, Lydia Kater-Wettstädt, Uwe Schneidewind (2019): Fridays for Future seen from a perspective of sustainability science. GAIA 28/3 (2019): 307–309
  10. Siehe https://scientists4future.org/ abgerufen am 29.07.2021 https://de.wikipedia.org/wiki/Scientists_for_Future ebenfalls abgerufen am 29.07.2021
  11. Helen E. O'Connell, John M. Hutson, Colin R. Anderson, Robert J. Plenter: ANATOMICAL RELATIONSHIP BETWEEN URETHRA AND CLITORIS. In: Journal of Urology. Band 159, Nr. 6, Juni 1998, ISSN 0022-5347, S. 1892–1897, doi:10.1016/S0022-5347(01)63188-4
  12. Siehe https://www.mdr.de/wissen/antworten/wie-weiblich-ist-die-medizin-100.html     abgerufen am 29.07.2021  
  13. Siehe https://www.cochrane.org/de/evidence abgerufen am 29.07.2021
  14. Siehe https://jbi.global/ abgerufen am 29.07.2021
  15. Siehe https://www.gradeworkinggroup.org/ abgerufen am 29.07.2021
  16. Siehe https://www.campbellcollaboration.org/ abgerufen am 29.07.2021
  17. Siehe https://g-i-n.net/ abgerufen am 29.07.2021.